08. September 2017

Warum Martin Schulz nicht überzeugt!

Über Rolle, Rhetorik, Topos und Kongruenz

Schlimmer kann es kaum mehr kommen. 21 % würden ihn noch wählen. Und nur 16 % trauen ihm eine Führungsrolle zu. Man hat Mitleid mit Martin Schulz. Und irgendwie auch Mitleid mit der Demokratie, die mal wieder Wahlkampf auf Augenhöhe verdient hätte. Aber woran liegt es, dass Martin Schulz nicht der Turnaround gelingt, wie seinerzeit Gerhard Schröder?

Schauen wir ihm zu. Auf den Marktplätzen. Fester Bestandteil seiner Rede ist seine Aufregung darüber, dass ihm als Mensch ohne Abitur, als Mensch mit Buchhändler-Lehre, als Mensch ohne Haare und als Mensch mit Kassengestell auf der Nase die Eignung abgesprochen würde, Kanzlerkandidat zu sein. Darüber spricht er ziemlich lange und mit ziemlicher Empörung. Er möchte sich als sympathischen Underdog positionieren, der sich an die Spitze aller Geknechteten stellt und beweist, dass die von da unten es auch schaffen können.

Die Sache hat nur zwei Haken: Erstens kann sich an diese Vorwürfe kaum jemand mehr erinnern. Ihn mögen sie getroffen haben, dass ihm ohne Haare die Befähigung zum Kanzleramt abgesprochen wurde. Aber ansonsten erinnert sich da keiner mehr dran.  Diese Geschichte ist kein 'Topos', hinter dem man eine Wählerschaft im Jahr 2017 vereinen kann. Das ist eine Geschichte aus den siebziger Jahren, als es noch kein Fielmann gab.

Und zweitens stimmt seine Story von dem Underdog nicht. Man erinnere sich: Der Mann war schon mal Präsident des Europäischen Parlaments. Der Mann hat schon auf Augenhöhe mit den Mächtigsten der Welt verhandelt. Der Mann ist definitiv kein Underdog (mehr). 

Nun wird mir Martin Schulz entgegnen: Aber das hat doch bei Gerhard Schröder auch funktioniert! Stimmt. 'Acker' hat nie einen Hehl daraus gemacht, von wo er kommt. Und dass er nur ein Ziel hatte. Bundeskanzler zu werden. Aber er hat seine Story von unten nach oben ohne Brüche gepflegt. Selbst sein Job als Ministerpräsident von Niedersachsen konnte er als Schritt auf diesem Weg nach oben verkaufen. Er ist konsequent von unten nach oben marschiert. Und Schulz kommt halt wieder drei Stufen zurück. Aus Europa. Nach Deutschland. Und gibt sich als der Kandidat aus Würselen. Das passt nicht. Seine Biografie erzählt einfach eine andere Geschichte. 

Er wäre so gerne authentisch. Als kleiner Mann. Das Problem: Er ist es nicht. Er ist kein kleiner Mann. Er ist ein großer Player der internationalen Politik. Und damit kommen wir zum wichtigsten Worte dieser Analyse. Es heißt: Kongruenz. Es ist die Übereinstimmung von Persönlichkeit und Rolle. Und funktioniert bei Schultz einfach nicht - zumindest nicht so, wie die Strategen der SPD ihn inszenieren.

Es war eine von Anfang an grundsätzlich falsche Entscheidung im Wahlkampfteam der SPD. Dort haben sie ihn wieder zum Buchhändler aus Würselen gemacht. Mit ganz viel Sozen-DNA. Das Problem: Das passt nicht (mehr) zu ihm. Das ist ein Teil seiner Biografie, ja! Aber: Lange her. Viel näher sind ihm die letzten 15 Jahre seines politischen Lebens. Daraus hätte man die Story für Martin Schulz entwickeln sollen. Der, der von ganz oben kommt und all diese Kompetenz und all die internationalen Kontakte mitbringt, um die Politik der Bundesrepublik in Zukunft zu gestalten. Das entspräche vielmehr seine Persönlichkeit. Das wäre kongruent. Dann müsste er auf dem Marktplatz nicht über seine Brille reden. Sondern über all das, worauf er wirklich stolz ist. Auf seine Arbeit in Brüssel.

Man hat Mitleid mit Martin Schulz. Er ist bestimmt ein feiner Kerl. Er ist belesen, gebildet, hat ein Herz, hat Anstand und Humor. Er hat es tatsächlich geschafft, von ganz unten nach ganz oben. Auch mit diesen Werten. Er ist ein 'Homme de Lettres', ein Gentleman - geworden! Und seine Partei hat ihn einfach in die falsche Rolle gesteckt. Sie hat in die Pantoffeln aus Würselen wieder angezogen. Statt ihm Maßschuhe des EUaPolitikers zu belassen.

Man wollte ihm ein authentisches Gewand anziehen. Den zerteilten roten Mantel des St. Martin. Man hat sich dabei aber an der Authentizität der Partei orientiert. Und nicht an der Persönlichkeit des Kandidaten. Ihm steht das nicht. Er ist, ich wiederhole mich, nicht kongruent mit der Rolle, die man in der Partei für diesen Wahlkampf für ihn ausgedacht hat. Er ist inzwischen mehr Weltmann als Würselen. Darum misslingen ihm auch solche Sätze wie die mit den Golffahrern und den Golfspielern. So viel Kleingeist auf einmal passt nicht zu ihm.

Das beweist er in jedem persönlichen Zusammentreffen mit der Kanzlerin. Er weiß, wie man sich gegenüber einer Dame verhält. Und erst recht gegenüber einer Kanzlerin. Im TV-Duell kommt er nicht raus aus seiner ganz authentischen Rolle als Gentleman. Er hat genickt, wenn Angela etwas erklärt hat. Er hat ihr das Wort gelassen, wenn sie dazwischen gefahren ist. Er hat sie angeschaut, während er geredet hat. Er war einfach vollendet freundlich. Er ist ihr auf Augenhöhe begegnet - der Präsident des Europäischen Parlaments und die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. So sieht er sich. So will er sein. Das ist er.

Es geht um die Wirkung von Martin Schulz als Führungsfigur. Und die gelingt ihm einfach nicht. Weil er nicht gerade auf ein Ziel zuläuft. Sondern sich rhetorisch verirrt. Mal so, mal so. Mein Gentleman, mal Wahlkämpfer. Mal geradeaus, mal widerspricht er sich. Mal ist er ganz selbst. Dann ist der stark. Mal ist es so, wie die Parteistrategen ihn wollen. Dann ist der schwach.
Man nehme zum Abschluss nochmal Gerhard Schröder: 'Es ist mein Leben. Darüber bestimme ich. Und nicht die Presse.' Das ist alles zusammen: Authentisch. Kongruent. Er würde niemals etwas anderes sagen. Und zudem so klipp und klar formuliert, dass man sogar spontan geneigt ist, ihm erstmal zuzustimmen.

So geht Wahlkampf. So geht Kandidat. So geht's raus aus dem Umfrageloch! Wenn Martin Schulz den Mut hat, kongruent zu sein, Persönlichkeit und Rolle in Einklang zu bringen, mehr Martin, weniger Würselen - wenn sich dann die Wahlkampf-Strategen in der SPD die Haare raufen, dann würde Martin Schulz in den nächsten Wochen einiges richtig machen. 

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